Ein Zeitzeuge des Holocaust berichtet

„Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater sah“

Besuch des Holocaust-Zeitzeugen Josef Salomonovic am GZG (20.11.2019)

Von Carmen Specht 

Drei Jahre alt war Josef Salomonovic, als er mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder am Prager Bahnhof Bubny stand und seine Mutter ihm sagte, sie würden einen Ausflug nach Polen machen. Heute ist er 81 Jahre alt und erzählt als einer der letzten Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust von seinen Erfahrungen. 

Rund 60 Schüler der Oberstufe des GZG hatten die einmalige Chance, Herrn Salomonovic persönlich kennenzulernen und ihm im Anschluss an seinen Vortrag Fragen zu stellen. Den Erzählungen eines Zeitzeugen aus erster Hand zu lauschen, vermittelte uns Schülern die Vorstellungskraft, das Grauen dieses wichtigen Teils der deutschen Geschichte noch besser verstehen zu können.

Seine Geschichte machte uns Schüler sehr betroffen. Er verbrachte seine Kindheit im Ghetto Litzmannstadt (Lodz) und den Konzentrationslagern Auschwitz, Stutthof und Flossenbürg unter unmenschlichen Umständen und überlebte sogar den Todesmarsch von Böhmen. Seine ganze Vergangenheit dokumentierte er für die Nachwelt in einem Film mit der Unterstützung Peter Hackls, sowie in diversen Interviews, unter anderem mit dem „SPIEGEL“. Es fällt ihm jedoch immer noch sichtlich schwer, von seinen Erlebnissen zu sprechen.

Herr Salomonovic erlebte seine Zeit in den verschiedenen Konzentrationslagern, in die er verschleppt wurde, in sehr jungem Alter. Dies hat einen großen Einfluss auf seine Erinnerungen, denn Kinder denken besonders bildlich und von ihren Sinnen geleitet. So erinnert er sich bis heute noch genau an seinen weißen Mantel und die Prager Schuhe, die ihn durch die Jahre 1941-1945 begleiteten und auch das Geräusch der Holzschuhe der jüdischen Arbeiter, wenn sie zweimal täglich die Holzbrücke überquerten, die zwei Teile des Ghettos Litzmannstadt miteinander verband. Er denkt an die gelben, vom Nikotin eingefärbten Finger seines Vaters und deren Zigarettengeruch, als er ihn zum letzten Mal sah. Oder auch daran, wie sich das Sonnenlicht im Kristallzucker spiegelte, den sein Bruder vor seinen Augen aß, um ihn zu ärgern. Details wie diese prägen seine Erinnerung und erzeugen damit seine sehr anschauliche Form des Erzählens: Wir Schüler hatten die Bilder, die er beschrieb, so direkt vor Augen, dass wir das Erzählte nachempfinden konnten.

Eine solche Konfrontation mit der Zeit des NS-Regimes in Deutschland ist vor allem in Anbetracht der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland von großem Belang. In einem persönlichen Gespräch erklärte Herr Salomonovic weiter, dass dies auch der Impuls für ihn sei, seine Geschichte immer wieder und vor allem jungen Menschen zu erzählen. Denn er sieht in den aktuellen Entwicklungen der Politik sowohl in Deutschland als auch in Österreich, wo er heute lebt, eine wachsende Bedrohung von rechts, die sich nur durch Aufklärung und Bildung bekämpfen lässt. Um dazu seinen Beitrag zu leisten, gewährt er uns Einblicke in seine Erinnerungen, damit wir uns die Fehler der Vergangenheit bewusst machen. Man muss aus ihnen lernen, damit sich solch ein Leid nicht wiederholt.

Für mich persönlich hinterließen der Vortrag und das anschließende persönliche Gespräch mit Herrn Salomonovic einen sehr starken und nachhaltigen Eindruck, denn kein Medium, welches sich mit der Geschichte beschäftigt, kann diese so nachempfindbar vermitteln, wie jemand, der sie selber erlebt hat. Ich habe Herrn Salomonovic als einen bemerkenswert offenen Menschen kennengelernt, der bereitwillig jede Frage beantwortet und offen für jede Diskussion ist. Es ist beachtlich, wie er seine Erlebnisse immer wieder schildert, obwohl sie mit so großem Schmerz verbunden sind. Aus diesem Grund war es eine große Bereicherung, ihn kennenlernen zu dürfen.

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