Unterricht in Pandemiezeiten

Rückblick: Online-Unterricht am GZG- Charly S. (10a)

Seit über einem Jahr begleitet uns nun schon die Pandemie – und damit auch verschiedene Formen des „an Corona angepassten Unterrichts“, um es mal vorsichtig auszudrücken. Für den einen wäre „entspanntes, selbstbestimmtes Lernen“ vielleicht eine bessere Bezeichnung, für die andere eher „stressiger Psychoterror“.

Genauso verschieden, wie wir generell alle sind, haben wir auch das Home- Schooling unterschiedlich wahrgenommen. Um einen repräsentativen Eindruck zu bekommen, wurde eine Umfrage veröffentlicht, an der über 90 Schülerinnen und Schüler aus fast allen Klassenstufen des GZGs teilgenommen haben. Am stärksten vertreten waren die Klassen 9, 10 und die K1. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an alle, die mitgemacht haben.

Uns erreichte eine Menge Nachrichten über die schlechten Seiten des Home- Schoolings. Oft genannt wurde - verständlicherweise - der fehlende Kontakt zu Klassenkameraden. Als das Quatschen in der Pause oder die gemeinsame Diskussion im Klassenzimmer wegfielen, gingen bei vielen auch die Motivation und der Spaß am Lernen flöten. Außerdem erschwerten technische Probleme jeglicher Art die Zeit zu Hause. An einem Tag war es die eigene Internet- Verbindung, am nächsten die komplette moodle-Plattform. Nachdem ein neues Headset oder ein Drucker angeschafft wurde, funktionierten die interaktive Seite im Englisch-Unterricht oder der Link zum virtuellen Chemie-Versuch immer noch nicht. Ebenso frustriert klangen die Berichte über viel zu viele Aufgaben, beziehungsweise über zu viel neuen Stoff. Mehrere Teilnehmende fanden, dass die Erwartungen vieler Lehrkräfte sehr hoch waren. Den Umständen entsprechend zu hoch. Nicht selten saß man noch lange an Arbeitsaufträgen, um diese rechtzeitig abzugeben – obwohl der Unterricht laut Stundenplan schon längst vorbei war. Etwa 60 Prozent der Befragten gaben an, mehr zu tun zu haben als während gewohntem Präsenz-Unterricht. Rund 23 Prozent sagten, dass der Online-Unterricht für sie etwa genauso umfangreich war und die restlichen 17 Prozent meinten, weniger machen zu müssen. Mehrere Personen beschwerten sich darüber, für ihre abgegebenen Beiträge wenig bis gar kein Feedback bekommen zu haben. Generell wurde die schwierige Kommunikation bemängelt. Viele fanden, dass neue Themen nicht

verständlich erklärt wurden und Rückfragen nicht so einfach gestellt werden konnten wie in der Schule. Teilweise bestand die Angst, nicht mehr mitzukommen, sobald wieder „normaler“ Unterricht stattfindet. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Online-Unterricht führte nicht selten zu Langeweile und Antriebslosigkeit, zu Druck und Stress und schließlich zu Verzweiflung und Einsamkeit.

Trotz alledem öffneten sich in den letzten Monaten auch neue Türen. Eine Handvoll Leute erzählte, dass sich ihre Medienkompetenz durch die neue Art des Lernens verbesserte. Außerdem waren die meisten froh darüber, wenn Dinge wie der fehlende Schulweg ein bisschen mehr Freizeit brachten. So startete eine Schülerin um kurz nach Sieben glücklich mit einer Jogging-Runde in den Tag, während ihr Klassenkamerad die Möglichkeit genoss, auszuschlafen. Die Freiheit, seine Aufgaben zeitlich selber einzuteilen, gefiel vielen. So konnte man die Arbeitsaufträge in seinem eigenen Tempo und zu einer beliebigen Tageszeit erledigen – jeder so, wie es für ihn persönlich am besten funktionierte. Mehrere Schülerinnen und Schüler fanden die Erfahrung gut, sich selbst etwas beizubringen. Digital auszufüllende Arbeitsblätter wurden gelobt, weil sie praktischer und umweltfreundlicher wären.

Wie die Lehrerinnen und Lehrer den Fernunterricht managten, wurde von den Teilnehmenden der Umfrage sehr unterschiedlich bewertet. Beim Durchlesen der Antworten tauchten jedoch einige Punkte immer wieder auf, die sich die GZGler von ihren Lehrkräften wünschen. Dazu gehörte vor allem Verständnis. Verständnis für Internetprobleme oder dafür, dass nicht jeder so produktiv ist, wenn er auf sich allein gestellt ist. Und, wie schon oben erwähnt, ein angemessenes Arbeitspensum. Außerdem ist vielen der Befragten wichtig, Rückmeldungen auf Fragen und hochgeladene Aufgaben zu erhalten. „Wenn man einen Arbeitsauftrag rechtzeitig abgibt und dann keine Rückmeldung bekommt, fühlt man sich, als hätte man die ganze Arbeit umsonst gemacht“, schrieb eine Person. Laut manchen Schülerinnen und Schülern wurden diese Dinge sehr gut umgesetzt, laut anderen überhaupt nicht. Scheinbar kamen die Lehrerinnen und Lehrer, ebenso wie die Schülerinnen und Schüler, unterschiedlich gut mit der ungewohnten Lage zurecht. Wir haben eine vergleichbare Umfrage zum Thema Home-Schooling für die Lehrkräfte erstellt und wollten auch über deren Eindrücke berichten, jedoch haben wir dazu leider

erst sehr wenige Antworten erhalten. Möglicherweise wird dazu demnächst noch ein weiterer Artikel folgen.

Wer weiß, ob die Schule in Zukunft tatsächlich wieder „wie vor Corona“ wird. Rund ein Drittel der Befragten könnte sich definitiv vorstellen, moodle, beziehungsweise generell digitalen Unterricht, zum Teil auch nach der Pandemie beizubehalten. Zum Beispiel um Stoff an Fehltagen nachzuholen oder um sich auf Prüfungen vorzubereiten. Weitere 30 Prozent beantworteten diese Frage mit „Vielleicht“, 23 Prozent stimmten für „Eher nicht“ und für die restlichen 14 Prozent käme es überhaupt nicht in Frage.

Nun freuen wir uns aber erst mal, wieder „in real life“ gemeinsam im Klassenzimmer lernen zu können – die meisten jedenfalls. Vielleicht muss die morgendliche Sport-Session jetzt in Form von einer Fahrradtour zur Schule praktiziert werden. Dafür kann die nächste politische oder mathematische Diskussion wieder von Angesicht zu Angesicht geführt werden, anstatt über ewige E-Mail-Gespräche oder mit abgehacktem Ton.

Last but not least wollen wir, auf Grund von einzelnen erschreckenden Nachrichten, noch dazu aufrufen, dass ihr euch gerne an Florian Bayer oder Karoline von Dewitz von der Schulsozialarbeit wenden könnt, wenn ihr psychisch unter den verrückten Corona-Umständen gelitten habt, es immer noch tut oder aus anderen Gründen Redebedarf habt.

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